Gedenken an einen - für viele
Das tragische Schicksal eines Sohnes unserer Stadt
(Mannheimer Morgen, den 29.11.1947)

Nur wenige jener unglücklichen Juden aus Baden und der Pfalz, die in den Oktobertagen 1940 zu tausenden deportiert wurden, sind zurückgekehrt. Die anderen hat der Moloch “Rassenwahn“ verschlungen, und nur in seltenen Fällen lässt es sich feststellen, wo und wie sie umgekommen sind. Das tragische Schicksal Dr. Paul Eppsteins legt Zeugnis ab von dem Leidensweg dieser Verschollenen.

Ende September 1944 wurde durch einen SS-Polizisten auf einer Straße in Theresienstadt ein mit dem Judenstern gekennzeichneter Mann angehalten. Er wies sich als der „Judenälteste“ des Lagers Theresienstadt aus, dem es zum Zwecke der Ausübung seiner Funktion durch den Lagerkommandanten Rahm ausdrücklich gestattet war, das Ghetto jederzeit zu verlassen. Trotzdem wurde er wegen „Fluchtverdachts“ festgenommen und zu der Kommandantur der „kleinen Festung“ gebracht, denn die Stunde war gekommen, in der – wie es im SS-Jargon hieß – auch „dieser Jude den Jordan zu überschreiten hatte“.
Der Kommandanten-Stellvertreter Schmied, bei dem er sich sodann zu melden hatte, forderte ihn auf, mit ihm zu kommen, damit er ihm die Wohnung zeige, in der ihm die Lust zur Flucht vergehen werde. Kurze Zeit später lag er tot auf einem benachbarten Kartoffelfeld.

Dieser Judenälteste war nicht etwa, wie man anzunehmen versucht ist, ein weißhaariger Greis, er war ein Mann in den besten Jahren. Als er sich noch nicht „stinkender Jude“ nennen musste, sondern als der geachtete
Dr. Paul Eppstein Ende der zwanziger Jahre dem Lehrkörper der Handels – Hochschule Mannheim eingegliedert wurde, war er noch ein sehr junger Dozent, der trotz seiner Jugend viel zum guten Ruf unserer Hochschule beitrug. Seine Vorlesungen brachten überfüllte Hörsäle auch dann noch, als der Ruf „Jude verrecke“ selbst in den Bildungsstätten erschallte. Nicht weniger gut besucht waren die Abende der überall als vorbildlich bewerteten Volkshochschule Mannheim, an deren Gründung und Entwicklung Paul Eppstein einen hervorragenden Anteil hatte. Seine gründlichen Kenntnisse der Volkswirtschaft wussten auch jene Persönlichkeiten hoch zu schätzen und zu Rate zu ziehen, die in der damaligen Krisenzeit im wirtschaftlichen Leben unserer „Lebendigen Stadt“ auf verantwortlichen Posten standen.

Der Ausbruch des Dritten Reiches hat auch dem vielversprechenden Wirken Paul Eppsteins ein jähes Ende gesetzt. Die entsetzliche Lage seiner jüdischen Schicksalsgefährten konnte diesen mit hohen moralischen Qualitäten ausgestatteten Menschen nicht unberührt lassen. Er stellte sich in den gefährlichen Dienst der Reichsvertretung der deutschen Juden. Bei der Liquidation der Reichsvertretung wurde er mit seiner Familie nach Theresienstadt deportiert und dort zum Judenältesten ernannt.

Er muss viel, sehr viel gelitten haben, dieser Dr. Paul Eppstein, denn er hatte ein das Menschenleid verstehendes Gemüt. Freunde machten ihn 1932 auf das damalige Elendsquartier in den Spelzengärten – eines der trübsten Kapitel der Geschichte Mannheims – aufmerksam. Er sah sich die aus Eierkisten gezimmerten „Behausungen“ an, hörte die Leidensgeschichte der Bewohner von verfallenen Gartenhütten und Schweineställen. Es blieb nicht beim Entrüsten vor so vieler Not; fast jede Woche einmal ließ Dr. Eppstein das Auto in der Max-Joseph-Straße parken und ging, zwei große, mit Strümpfen, Kleidchen und Lebensmitteln vollgepfropfte Taschen in jeder Hand zu den „Spelzengärtlern“. Einmal kehrte er von einem solchen Besuch sehr niedergeschlagen in sein Büro in  A 1 zurück. „Es ist beschämend, Mensch sein zu müssen!“ stöhnte er: In einer Gartenlaube hatte eine Mutter ihrem arbeitslosen Mann das neunte Kind geboren.

Ecce homo….als „stinkender Jude aus dem Ghetto“ ist er durch Verbrecherhand zugrunde gegangen. Wir werden ihm ein ehrendes Angedenken bewahren.

Mannheimer Morgen vom 29.11.1947, O.G.
 
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